Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können daher diese Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

10.08.17 - 09:55 Uhr

Mieterverein bewertet Wohnbau-Geschäftsbericht 2016

Die städtische Wohnbau Gießen GmbH spricht in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 2016 von einem "erfolgreichen Jahr". Bezogen auf den Bilanzgewinn in Höhe von 3,84 Mio. Euro (+7,2%), der zwar gegenüber dem Vorjahr geringfügig gesunken ist, kann man das sagen.

Das Unternehmen steht solide da, es verfügt über eine gute Eigenkapitaldecke. Ob es auch ein erfolgreiches Jahr für die Mieter der Wohnbau war, hat der Mieterverein überprüft.

Zutreffend analysiert der Chef des Unternehmens, Reinhard Thies, im Vorwort die Wohnungsmarktsituation in Gießen, wenn er von einem „erhöhten Wohnungsnachfragedruck“ spricht, den er an der Zahl der 2882 wohnungssuchenden Haushalte festmacht, die eine Wohnung bei der Wohnbau suchen. Sie haben aber nur eine geringe Chance, weil im Jahre 2016 lediglich 600 Wohnungen frei wurden. „Allerdings ist seine Behauptung von einer „geringen Fluktuation“ nicht richtig, da die Fluktuationsrate bei der Wohnbau seit 2014 stetig auf 8,82 Prozent gestiegen ist. Angesichts der Erfahrung, dass bei steigenden Mieten und geringem Wohnungsangebot die Umzugsneigung der Mieter abnimmt, erstaunt die Entwicklung schon“, meint der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers, und er fragt: „Wo sind die Ursachen für die steigende Fluktuation bei der Wohnbau ?“

Wie viele private Vermieter nutzte auch das städtische Wohnungsunternehmen seine Mieterhöhungsspielräume. Es konnte seine Erträge aus Mieterhöhungen denn auch um 512.000 Euro steigern. Vor allem bei sanierten und  modernisierten Gebäuden gebe es beträchtliche  Mietsprünge, kritisiert der Mieterverein. Deshalb wolle  die Wohnbau mit dem Konzept „Soziale Miete“ für 300-400 sanierte Wohnungen, befristet mit einer Kappungsgrenze von 6,50 Euro/qm, die Mieter vor Verdrängung und zu starkem Mietanstieg schützen. „Ob das gelingt und kein Feigenblatt ist, muss man genau beobachten. Denn schon jetzt heißt es, „für jedes sanierte Objekt wolle man individuell einen prozentualen Anteil mit gekappten Miethöhen festlegen und bei zwei Objekten sei das schon bis zu 30% der Wohnungen geschehen.. Das bedeutet dann aber, der Rest der Mieter bezahlt marktübliche, deutlich höhere Mietpreise. So werden Mieter aus ihren Wohnungen geradezu heraussaniert und Platz für „gewinnbringendere“ Bewohner geschaffen. Auf der Strecke bleiben dabei Geringverdiener und sozial schwach gestellte Menschen.
Leider ist die Wohnbau nicht zu einem temporären Mietenstopp bereit, wie der Mieterverein das im letzten Jahr vorgeschlagen hatte,“ bedauert Kaisers.
Mehr als die Hälfte der 7112 Wohnungen der Gesellschaft habe inzwischen eine Kaltmiete von 5,50 Euro/qm und mehr. Das sei in der Mietenlandschaft Gießens zwar immer noch günstig, aber die Zahl der Haushalte, die nicht mehr für das Wohnen aufbringen können, steige stetig, daher die starke Nachfrage.

Nach Jahren der völligen Zurückhaltung hat die Wohnbau im Jahr 2016 12 neue Wohneinheiten in der Neustadt fertiggestellt. Erfreulich ist, dass es dabei nicht bleiben soll. Das Unternehmen hat 70 neue Sozialwohnungen in der Planung und weitere 150 in der näheren Zukunft. „Das kann aber nur ein Anfang sein, denn den rasanten Schwund an preisgebundenen Wohnungen mit Belegungsbindung  im Bestand des Unternehmens (nur 25%) wird man damit nicht aufhalten können. Das Wohnraumversorgungskonzept der Stadt sieht einen jährlichen Bedarf von 100-150 neuen öffentlich geförderten Wohnungen in den kommenden Jahren. Und der Nachholbedarf ist groß.
Beim Mieterverein weist man darauf hin, dass die Wohnbau noch immer mehr als das Zehnfache dessen, was sie in den Neubau investiere, in Sanierung (12,4 Mio. Euro) und Instandhaltung ( 10,9 Mio. Euro) stecke. „Das eine tun und das andere nicht lassen! Das muss die Devise sein“, so der Mietervereinsvorsitzende. „Denn Geld ist da. Die Wohnbau ist ja keine Sparkasse, sie sitzt auf prallen Rücklagen (35,7 Mio. Euro). Und aus dem Gewinn 2016 geht wieder der Löwenanteil in die Rücklagen, anstatt in Neubauten  investiert zu werden.
Auffallend und erklärungsbedürftig sei in der Bilanz die stark gestiegene Rückstellung für Prozessrisiken in sechsstelliger Höhe.
Abschließend heißt es beim Mieterverein : „Wir wissen, dass es bei der Wohnbau, anders als bei den großen Wohnungskonzernen, nicht nur um Profitmaximierung geht. Und das ist gut so. Aber auch das städtische Wohnungsunternehmen ist ein behäbiger Tanker, der seinen Kurs nur langsam ändert. Deshalb ist es notwendig, der Mannschaft auf der Kommandobrücke auf die Finger zu schauen, damit das Schiff einen klaren Kurs im Interesse der Mieter fährt.“