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30.06.17 - 12:25 Uhr

Auf dem Land wird zu viel gebaut und meist das Falsche

„Es ist schon erstaunlich, dass heute in etlichen Dörfern und Kleinstädten der Bauwahn grassiert, wo dort bereits schon viele Häuser leer stehen und in wenigen Jahren ziemlich sicher weniger Menschen leben werden als heute. Zudem verändern sich die Haushaltsgrößen deutlich. Das gilt auch für den Landkreis Gießen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis : In Deutschland wird - statistisch betrachtet - weder zu wenig gebaut noch zu viel. Es wird an den falschen Stellen gebaut und am Bedarf vorbei“, heißt es in einer Pressemitteilung des Mietervereins.
Er fordert: „Die Gemeinden haben einen wichtigen Schlüssel für die kommunale Entwicklung in der Hand, den sie nutzen sollten. Der Wettbewerb unter ihnen bei der Ausweisung von neuem  Bauland muss aufhören. Die Ortskerne müssen Priorität haben, bedürfen der Pflege und Fortentwicklung. Dort, wo Leerstand zu einem Problem wird, sollte gelten: Etwas Neues darf nur bauen, wer etwas Altes abreißt.“
Die Zahlen, die das Institut zusammengetragen hat, seien erschreckend. Es habe die demografischen Trends ermittelt, die als gesichert gelten. Diesen habe es die Wohnungen gegenübergestellt, die zwischen 2011 und 2015 fertiggestellt wurden. Und das für ganz Deutschland, für jeden Landkreis und jede Stadt. „Die Karte, die daraus entstanden ist, zeigt das ganze Dilemma auf einen Blick. So ist der Bedarf an Wohnungen im Landkreis Gießen  bereits zu 80 Prozent gedeckt, betrachtet man die aktuelle Bautätigkeit;“ sagt der Vorsitzende des Vereins , Stefan Kaisers. „Was nötig wäre: Mehr kleinere und barrierefreie Wohnungen, mit ein bis zwei Zimmern, weil die Zahl der Single-Haushalte steigt, die Menschen älter werden. Große Anwesen werden den Bewohnern im Alter zur Last und das Nebeneinander frisst viel mehr Fläche als ein wohlgeordnetes Miteinander. Das aber entsteht kaum. Schon heute übersteigt im Landkreis die Bautätigkeit für große Wohnungen, d.h. oft in Einfamilienhäusern, den Bedarf. “
Mit Schrecken würden die Immobilienexperten sehen, dass in ländlichen Regionen immer noch sehr viele Einfamilienhäuser gebaut werden. Der Traum vom eigenen Heim, den so viele träumen – werde  für nicht  wenige Beobachter inzwischen zu einem Schreckensszenario.
 „Was sich auf dem Land da baulich breit macht, ist wirklich ein Problem. Der Flächenfraß ist schon lange ein großes Thema. Vor 15 Jahren hat die erste rot-grüne Bundesregierung ein Ziel formuliert: Bis 2020 soll die Fläche, die täglich für neue Häuser oder Straßen geopfert wird, auf 30 Hektar sinken. Das Ziel gilt immer noch. Wirklich nahe gekommen aber ist man ihm noch nicht. 2015 wurden jeden Tag 66 Hektar plattgemacht. Das sind fast hundert Fußballfelder“, kritisiert Kaisers und ergänzt, dass die EU anstrebe, bis zum Jahre 2050 für den Menschen und seine Fortbewegungsmittel keine zusätzlichen Flächen mehr versiegelt werden sollen.
Der Drang in die Breite habe verheerende Konsequenzen: Angesichts der günstigen Finanzierungen würden im ländlichen Raum Neubauten gegenüber Altbauten bevorzugt. „Damit entstehen neue Leerstände, da sich die Bevölkerungsstruktur im ländlichen Raum stetig verändert . Und vor allem veröden zunehmend die Zentren in den Kommunen. Wegen der Zersiedelung wird die Infrastruktur nicht effizient genutzt, was die Kosten für die Kommunen weiter treibt“.