Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können daher diese Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

23.06.17 - 17:46 Uhr

Mieterverein nimmt Wohnraumversorgungskonzept des Landkreises kritisch unter die Lupe

Das Wohnraumversorgungskonzept des Kreises Gießen stößt beim Mieterverein auf ein geteiltes Echo.

"Eine vorsorgende Wohnungspolitik des Kreises hätte das schon vor fünf Jahren initiieren sollen, anstatt erst jetzt auf die schon länger bestehenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt des Landkreises zu reagieren, die mit der Flüchtlingskrise noch verschärft wurden. Es ist gut, dass nun eine solche Untersuchung vorliegt, die eine differenzierte und dezidierte Bestandsaufnahme der aktuellen Versorgung mit Wohnungen liefert. Aber die Handlungsempfehlungen der GEWOS, die das Konzept erstellt hat, sind mager und nicht frei von Fehlern“, sagt der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.Glaube man der Bevölkerungsprognose, auf die sich das Wohnraumversorgungskonzept unhinterfragt stützt, werde sich die Zahl der Haushalte im Landkreis bis zum Jahre 2030 weiter erhöhen. Woher der Zuwachs komme, bleibe allerdings unklar. Die GEWOS prognostiziert einen Neubaubedarf (Ersatz- und Zusatzbedarf) von rund 6000 Wohnungen, verteilt auf die meisten Kreiskommunen, vor allem rund um Gießen.

Die Autorinnen kommen zu dem kaum verblüffenden Ergebnis , dass es einen Mangel an kleinen, preisgünstigen und auch barrierefreien Wohnungen in vielen Kreiskommunen gebe, die vor allem von der wachsende Zahl der Singlehaushalte und Senioren, aber auch von Menschen mit kleinem Budget nachgefragt werden.

Weshalb dann aber gerade beim Neubaubedarf die Ein- und Zweifamilienhäuser favourisiert werden, anstatt Investitionen in den Geschosswohnungsbau anzuregen, der dem Bedarf am besten entspricht und zudem auch noch den Vorteil des geringeren Flächenverbrauchs hat, ist nicht nachvollziehbar,“ heißt es beim Mieterverein. So komme das Konzept für die Gemeinde Linden für den Zeitraum bis 2030 zu einem zusätzlichen Bedarf von ca. 700 Wohneinheiten in Ein- und Zweifamilienhäusern, aber nur 100 in Mehrfamilienhäusern. Ähnliches gilt für andere Kreiskommunen.

Der Neubau von Eigenheimen gelte vielen Politikern und Planern leider immer noch als der einfachste Weg, um Familien anzulocken. "Dabei werden die großen Nachteile gerade dieser Siedlungsform übersehen: Zersiedelung, hohe Kosten für die Erschließung und den Unterhalt der notwendigen Infrastruktur, neue Verkehrsprobleme und die Konkurrenz zu schon vorhandenen Wohnarealen im Außenbereich und vor allem für die älteren Häuser in den Ortskernen. So werden die ausblutenden Ortskerne weiter geschwächt und entstehen die neuen Problemgebiete von morgen," so Kaisers.

"Angesichts der Feststellung, dass die Zahl der Menschen im Kreis mit Anspruch auf Grundsicherung in den letzten Jahren um 50 % zugenommen habe und sicher auch noch weiter wachsen werde, vermissen wir die Forderung nach mehr öffentlich geförderten Wohnungen. Das Stichwort „Sozialwohnungen“ taucht nirgendwo in dem Konzept auf, was schon erstaunt“, kritisiert der Mietervereinsvorsitzende. "Dies wäre auch mit Blick auf die Wohnungsversorgung der Flüchtlinge notwendig. Dabei bleibt unklar, warum die Prognose davon ausgeht, dass von den rund 2500 Flüchtlingen, die im Kreis Aufnahme fanden, nur 30% bleiben werden. Werden die anderen in die Stadt Gießen drängen, wo das Angebot an bezahlbaren Wohnungen noch weit schlechter ist als im Kreisgebiet ?  Sicherlich fehlerhaft ist die Annahme, dass beim Nachzug nur mit einer Person pro Flüchtling zu rechnen sei."

"Richtig ist die Handlungsempfehlung an die Kreispolitik, dass der Entwicklung des Wohnungsbestandes vor allem aus den 50er bis 70er Jahren ein besonderes Augenmerk zukommen sollte und dabei besonders der Generationswechsel berücksichtigt werden müsse. Die Autorinnen sehen dabei allerdings einen Zielkonflikt, denn die Modernisierung des Wohnraums dürfe nicht dazu führen, das preisgünstige Angebot weiter zu reduzieren. Das ist heute die verbreitete Praxis, wenn die Eigentümer die Modernisierungskosten mit Hilfe der Modernisierungsumlage von 11 Prozent  voll auf die Mieter abwälzen. So verringert sich die Zahl der bezahlbaren Wohnungen weiter anstatt sie größer wird.