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10.06.17 - 17:32 Uhr

Was Mieter bei der Wohnungssuche so erleben

Wer heute in Gießen eine Mietwohnung sucht, braucht viel Phantasie und einen langen Atem. Dabei sieht es auf den ersten Blick ganz einfach aus. Es gibt zahlreiche Internetportale, die scheinbar über ein großes Angebot an Wohnungen verfügen.

Man setzt seine Wünsche in einen Filter, und schon wird eine Anzahl von Wohnungen angezeigt, mit Fotos, detaillierter Objekt- und Umgebungsbeschreibung und Mietpreisvergleichen. Für diejenigen, die sich nur einen groben Überblick verschaffen wollen, sieht das alles nicht so schwierig aus. Aber der Teufel steckt im Detail.
Wer zum Beispiel in der Universitätsstadt eine Wohnung mit Balkon sucht, die mindestens 100 Quadratmeter hat, aber nicht mehr als 850 Euro Kaltmiete kosten soll, der bekommt nur eine Hand voll angezeigt. Wird der Suchkreis etwas erweitert, erhöht sich die Zahl der Angebote leicht.
Darunter werde sich doch wohl etwas Passendes finden, denkt der Such-Anfänger noch ganz optimistisch und antwortet schnell auf die Kontaktadressen der Anbieter. Das waren früher meistens Makler. Seit Vermieter die Maklerkosten aber nicht mehr auf den Mieter abwälzen dürfen, sind inzwischen die Angebote "von privat" in der Überzahl. Oft folgt dann die erste Überraschung: Die meisten Anbieter antworten überhaupt nicht. Es sei denn, man hat zuvor schon, freiwillig, ein Profil von sich erstellt, in dem man neben der Adresse auch Auskunft gibt über das monatliche Einkommen, die Art des Arbeitsverhältnisses, den Familienstand und über Haustiere. Die meisten dieser Angaben zu diesem frühen Zeitpunkt abzufragen, ist unzulässig. Deshalb setzen Vermieter auf die Freiwilligkeit. Aber ohne Auskunft gibt es in vielen Fällen keine Besichtigung.
Hat man es tatsächlich geschafft und einen Besichtigungstermin bekommen, gibt es die nächste Überraschung. "Großzügig geschnittene Räume" entpuppen sich als schmale Kammern, fürs Foto mit einem Ultra-Weitwinkel aufgenommen. Die gepriesene Dreifachverglasung ist zwar vorhanden, aber nur, weil die Wohnung an einer lauten Ausfallstraße liegt. Die Südlage des Balkons und der Ausblick ins Grüne sind richtig beschrieben. Nur fehlt der Hinweis, dass hinter der grünen Wiese ein Gewerbebetrieb mit LKW-Verkehr liegt. Manche Anbieter preisen auch eine Dachterrasse nach Norden an, weil man sich dort keinen Sonnenbrand holen kann und einen Fußboden, auf dem nur Estrich liegt, als Möglichkeit, alles nach eigenem Geschmack zu gestalten.
Aber es gibt ja nicht nur das Internet. Wer eine schöne Wohnung zu einem bezahlbaren Preis in der Stadt haben will, muss schließlich auch kreativ sein. Ein Inserat in der Zeitung erreicht auf klassischem Weg sicher die Vermieter, die eine gute Wohnung vermieten wollen, sich aber mit den modernen Vermarktungsmethoden nicht so gut auskennen. Auf die Annonce "Solventes Ehepaar sucht helle Drei-Zimmer-Wohnung in Gießen oder angrenzenden Gemeinden" meldet sich als Erste eine Vermieterin aus Laubach. Eine sehr schöne helle Wohnung hat sie anzubieten, nach Gießen sei  man mit dem Auto - außer im Berufsverkehr - in einer halben Stunde.   Und überhaupt: Wer wolle schon mitten in der Stadt wohnen?
Das wollen viele. Das aktuelle Wohnraumversorgungskonzept der Stadt Gießen geht davon aus, dass bis zum Jahre 2030 ein Wohnungsbedarf von rund 5000 Wohneinheiten  besteht. Abzuwarten, bis sich die Angebotssituation entspannt, ist für Wohnungssuchende also keine Option. Man muss andere Wege gehen, und das tun viele. Einige Makler klagen darüber, dass sie, kaum dass sie eine Wohnung auf ihrer Website oder in einem Immobilienportal eingestellt haben, von Interessenten  persönlich aufgesucht werden. Nach der Devise: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Erfolgversprechender ist es, gar nicht erst auf Annoncen zu warten, sondern stattdessen die Wohnungsgenossenschaften oder Hausverwaltungen abzuklappern. Noch besser: Hausmeister in Wohnanlagen aufspüren und ansprechen. Die wissen meist schon, dass eine Wohnung frei wird, bevor der Mieter gekündigt hat.
Denn eins ist klar: Es gibt mehr Wohnungen, als auf dem Markt angeboten werden. Die meisten Wohnungen gehen unter der Hand weg - mit "Vitamin B". "Ein Vorteil für Wohnungssuchende sind Kinder und Hunde", sagt Stefan Kaisers vom Mieterverein mit einem Augenzwinkern. Denn dann kommt man in Kontakt. Der Mieterverein vermittelt selber keine Wohnungen, aber er kennt die Sorgen der Wohnungssuchenden gut. Auf dem Spielplatz, in der Kita oder im Park kommt man schnell mit Gleichgesinnten zusammen. Der eine hat etwas gehört, die andere weiß was: „Bei uns gegenüber wird demnächst eine Wohnung frei. Da können Sie mal den Vermieter anrufen und sich  auf mich berufen.“ Beziehungen sind bei der Wohnungssuche ganz wichtig. Ob man dann aber tatsächlich als Familie mit zwei kleinen Kindern oder als Halter eines Dalmatiners die freie Wohnung auch bekommt, steht auf einem anderen Blatt.