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19.05.17 - 11:33 Uhr

Mieterverein fordert: Mit den Steuermilliarden die Landflucht stoppen

Die Entwicklung in vielen ländlichen Regionen in Deutschland, auch bereits im Landkreis Gießen erkennbar, ist längst nicht mehr rosig. Die Landflucht grassiert. Die Rede ist nicht von den Kommunen in der Nachbarschaft zur Universitätsstadt, dem sogenannten Speckgürtel.

Dort lebt es sich ziemlich angenehm, jedenfalls dann, wenn man ganz gut verdient. Es geht um jene „Hungerriemen“, die Gegenden im Norden und Osten des Kreises, die ihre florierenden Jahre hinter sich haben. Der Mieterverein schlägt deshalb vor, mit einem Guttteil der Abermilliarden an Steuerüberschüssen endlich Schwung in Dörfer und Kleinstädte zu bringen.
Wenn man ehrlich ist, muss man sagen:  viele ländliche Bereiche bluten aus. Wer nach der Schule eine Ausbildungsstelle sucht, von einem Studienplatz ganz zu schweigen, wandert ab, nur die Älteren bleiben. Die meisten Poststellen sind längst zu, jetzt schließen die Bankfilialen eine nach der anderen. Es gibt immer weniger Ärzte auf dem Land, die Lebensmittelnahversorgung wird dünner. Oft verfallen schon die Häuser der Eltern und Großeltern, die Busse fahren bestenfalls vier Mal pro Tag in den nächstgrößeren Ort. In einer solchen Gegend mag man nicht so gerne leben.
Diese Entwicklung kann man nicht allein den örtlichen Politikern zur Last legen. Das Land Hessen, das wie allen Bundesländer den verfassungsrechtlichen Auftrag hat, die Gemeinden  finanziell anständig auszustatten, muss in seinem Etat streichen, um die Schuldenbremse einzuhalten. Und dabei spart man trotz anderslautender Bekundungen allzu gern auf Kosten der Dörfer und Kleinstädte.
Allein werden die Länder eine Kraftanstrengung zugunsten der ländlichen Regionen also nicht stemmen können. Der Bund muss sich engagieren, weitaus stärker als bislang. Der deutsche Föderalismus wird dadurch nicht aus den Fugen gehoben. Im Gegenteil. Er wird auf die Füße gestellt. Schließlich ist die Herstellung gleichartiger Lebensverhältnisse eine Vorgabe im Grundgesetz und damit eindeutig eine gesamtstaatliche Pflicht.
Mancher wird nun fragen:  Warum soll man kleine Nester mit viel Aufwand am Leben halten, aus denen die tatkräftigen Leute fliehen und nur noch Alte verharren? Die Antwort muss heißen, weil es politisch, ökologisch und ökonomisch vernünftig ist. Nicht jede Gemeinde kann eigenständig bleiben, Zusammenschlüsse und Kommunalreformen sind unausweichlich, wenn auch künftig Lampen brennen und die Straßen geteert sein sollen. Aber wenn  ganze Regionen herunterkommen, nährt das Radikale jedweder Couleur und amn vergeht sich an sehr vielen Menschen. Denen, die gern in ihren Dörfern leben und denen, die gern hinzögen, vorausgesetzt, die Umstände wären akzeptabel.
Von der Stadt aufs Dorf? Genau. Das ist eine Alternative für Paare, die ihre Miete in den größeren Städten nur mit Mühe und zwei Einkommen leisten können und keinen Platz für ein Kinderzimmer haben. Oder jene Berufstätigen, die in den Metropolen leben, aber als Rentner die hohen Preise mit Sicherheit nicht mehr zahlen können. Und vor allem die Polizisten, Krankenschwestern und Erzieher, die bislang im Umland wohnten, aber vertrieben werden von Besserverdienenden, die in den Zentren keine passende Unterkunft mehr finden.
Die ländlichen Gegenden brauchen vor allem : Einen schnellen Ausbau der Breitbandnetze, einen besseren Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel bis hin zu staatlich finanzierten Sammeltaxis am frühen Morgen und am späten Abend. Wichtiger noch sind exzellente Kitas und Schulen, die Familien Lust aufs Land machen und für die Eltern die Last täglicher Pendelfahrten in Kauf nehmen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Bei der Hilfe für die Landgemeinden geht es nicht um eine Verhübschung durch Pflanzenkübel oder gusseiserne Wasserspeier. Es geht, kurz gesagt, um den Erhalt von Kulturlandschaften. Und auch die Gemeinden selbst müssen einen Beitrag erbringen. Wer Neubaugebiete ausweist, während die Immobilien im Ortskern verfallen, soll keine Förderung erhalten. Wer die Öffnungszeiten von Krippen und Kindergärten nach Bedürfnissen auch von Schichtarbeitern ausrichtet, könnte dagegen belohnt werden. Das kann und soll ein Soli für die Dörfer leisten.
Es ist Zeit, dass man ihnen im Zweifel den Vorzug vor den Städten gibt, die bekanntlich mit lauter Stimme klagen. Das Geld ist ja da. Die Politiker streiten zur Zeit, ob Steuern gesenkt, Sozialleistungen erhöht, Straßen gebaut oder Schulden getilgt werden sollen. Warum bringt man nicht mit einem Guttteil der Abermilliarden endlich Schwung in Dörfer und Kleinstädte ?