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25.04.17 - 18:17 Uhr

Neues Rauchverbot notwendig ! Kaminöfen sind kein Beitrag zum Umweltschutz.

Geht man in der kalten Jahreszeit am Abend durch Gießen, weht einem in etlichen Straßen der beißende Geruch von verbranntem Holz aus Kaminöfen in die Nase. Die Messstation des Hessischen Landesamtes für Umwelt verzeichnet denn auch für diese Jahr bereits 8 Überschreitungen des zulässigen Grenzwertes für Feinstaub (PM 10) von 50 Mikrogramm/Kubikmeter.

„Holz als Heizstoff ist längst wieder populär, da die Preise für Gas und Öl hoch sind und es die Gemütlichkeit fördert. Und Holz ist doch ein nachwachsender und ökologisch sinnvoller Brennstoff, denken viele Laien. Und sie heizen, dass die Schornsteine ordentlich qualmen. Doch leider geraten die zunehmenden Emissionen dabei aus dem Blick. Und was da sichtbar wird, ist höchst unerfreulich,“ . Das Umweltbundesamt zum Beispiel stellte Ende 2016 fest: "Die Feinstaub-Emissionen aus kleinen Holzfeuerungsanlagen übersteigen in Deutschland mit etwa 24.000 Tonnen mittlerweile die aus den Motoren von Lkw und Pkw." Der Umweltspezialist Axel Friedrich, der als führender Kopf bei der Aufdeckung des Dieselskandals gilt, formuliert das Problem so: "Holzfeuerung ist mittlerweile die Hauptquelle von Rußpartikeln in der EU. Sie ist für rund 60.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr verantwortlich."

„Dank der Immissionsschutzverordnung von 2010 sind nun erst einmal die übelsten Luftverpester  von der Stilllegung betroffen. Wenn es nach Recht und Gesetz geht, stehen Hunderttausende alter, schmutziger Öfen und Kamine vor dem Aus. Denn alle Geräte, die 33 oder mehr Jahre auf dem Buckel haben, sind bis Ende 2017 stillzulegen oder durch neue zu ersetzen. Konkret bedeutet das: In diesem Frühjahr wird eine gewaltige Menge an Öfen nicht nur bis zum nächsten Winter außer Betrieb genommen – sie erkalten für immer“, erklärt der Mietervereinsvorsitzende, Stefan Kaisers.
Die Kaminofen-Lobby verweise darauf, dass der gemessene Gesamtausstoß an Feinstaub seit Jahren rückläufig sei. Doch seltsamerweise zeige sich bei der Gesundheit der Bevölkerung keine entsprechende Besserung. Trotz besserer Abgasreinigung vor allem in der Industrie und im Verkehr bringt Feinstaub in der EU pro Jahr etwa 400.000 Menschen vorzeitig ins Grab.
Um die Kluft zwischen Messdaten und Sterberaten zu verstehen, muss man genauer hinsehen. Sie beruht teils auf Veränderungen bei den Emissionsquellen. Dieselruß zum Beispiel nimmt ab, Rußfilter im Dieselauspuff sind ja längst Pflicht – im Ofenrohr dagegen nicht. Es gibt auch grundsätzliche Schwächen bei den offiziellen Feinstaubmessungen: Die Feinstaubbelastung wird zu grob und zu undifferenziert analysiert.
Das Gefährdungspotenzial von Feinstäuben liegt in ihrer Chemie. Die Winzlinge sind in unterschiedlichem Maße gefährlich. So sind feine Meerwassertröpfchen oder Salzpartikel harmlos. Enthalten Partikel jedoch Säuren, Dioxine, Teer, Benzpyrene oder Ruß – alles zu finden im Holzrauch –, dann wird es gefährlich.
„Die staatlichen Umwelt-Messstationen  erfassen hauptsächlich vergleichsweise dicke und schwere Teilchen. Gerade die winzigen, superleichten Rußpartikel aber fallen bei der üblichen Nachweistechnik kaum auf, ebenjene, welche am leichtesten in den menschlichen Organismus eindringen. Größere Partikel (Durchmesser bis zu 10 Mikrometer, PM10) verfangen sich meist im oberen Atemtrakt, verursachen dort Entzündungen und werden aber oft abgehustet. Viel gefährlicher sind Partikel mit Durchmessern unter 2,5 Mikrometern (PM2,5), die tief in die Lunge und teilweise ins Blut vordringen können. Noch penetranter sind ultrafeine Stäube (weniger als 0,1 Mikrometer Durchmesser, PM 0,1). Sie gelangen bis ins Herz. Die meisten Todesfälle durch Feinstaub sind kreislaufbedingt,“ sagt Kaisers.

„Die Ofenindustrie lebe von dem Image, bei der Holzverbrennung werde ein heimischer Rohstoff umweltfreundlich und CO2-neutral genutzt. Der Holzofen sei somit gut für das Klima. „Das aber ist ein Märchen. Betrachtet man längere Zeiträume, etwa Jahrzehnte, wäre es viel klimaschonender, das Holz bliebe  als CO2-Senke im Wald. Nutzt man es dennoch, sollte es zuerst als Rohstoff dienen für Häuser, Möbel, Spanplatten oder Papier“, sagen die Fachleute. Erst am Ende der Recyclingkette stünde die Verbrennung von Holzabfällen in großen Biomasseheizkraftwerken. Diese sind effizienter und dank Abgasreinigung ungleich sauberer als private Öfen, welche Holzabfälle und Papier erst gar nicht verbrennen dürfen. Auch das Umweltbundesamt propagiert diesen Weg und stellt so das private Holzheizen infrage.
Hinzu kommt auch, dass neben dem Kohlendioxid bei der Verbrennung, vor allem von Scheitholz, Ruß entsteht. Und der verhagelt die Klimabilanz von Holzöfen endgültig. Die schwarzen Partikel sind äußerst klimawirksam. Sie heizen sich im Sonnenlicht auf, beeinflussen die Wolkenbildung, schwärzen bis in die Arktis Schnee und Eis, die dann schneller schmelzen. Insgesamt heizen Rußpartikel das Klima bis zu 3.200-mal so stark auf wie das Treibhausgas CO2.

Da ist noch ein weiterer Punkt, der genannt werden muss. „Wie bei den Diesel-Automobilen wurde auch bei der Typenzulassung der Kaminöfen gepfuscht,“ so Kaisers.  Dem internationalen Forschungsverbund "be real" (an dem auch die Industrie beteiligt ist) sei es beim Testen gängiger Öfen und Kamine nicht gelungen, deren offizielle Zulassungsdaten im Labor nachzuvollziehen. Die Forscher hätten teils doppelt oder gar dreimal so viel Kohlenmonoxid und Partikel wie offiziell deklariert gemssen. Legt man die be-real-Werte zugrunde, wären fast alle der 13 geprüften Öfen in Deutschland nicht verkaufsfähig. Sie überschritten beim Kohlenmonoxid (9 Öfen) und/oder beim Feinstaub (10 Öfen) die Grenzwerte der Bundesimmissionsschutz-Verordnung. Auch Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), kritisiert: "Der aktuell geltende Zulassungstest für Kaminöfen hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. In der Praxis stoßen sie erheblich mehr Feinstaub aus, als einem die geschönten Laborwerte weismachen wollen."

Beim Mieterverein rät man deshalb: Wer vor der Anschaffung eines Kaminofens steht, sollte bedenken: Es ist leicht, bewusst oder fahrlässig die mit viel Mühe emissionsreduzierten Holzöfen in Dreckschleudern zu verwandeln. Ganz zu schweigen von der schwierigen Dosierbarkeit der Wärmeproduktion und der latenten Gefahr, unsere mehr und mehr vorbildlich isolierten Häuser zu überheizen. Leider gerät hier genau das, was uns den Holzofen so lieb macht, zu seinem entscheidenden Nachteil: Er ist unmodern.

„Daher gilt: Ofen aus! Wer in der Stadt den Anblick von brennendem Holz braucht, kann  eine dieser Kaminfeuer-DVDs laufen lassen. Die bewähren sich an vielen Stellen. Holzfeuer hingegen gehören in Bibliotheken alter englischer Landschlösser oder in Holzfällerhütten in stromloser Abgeschiedenheit. Und natürlich in Situationen, in denen man gezwungen ist, draußen zu übernachten, also dort, wo wilde Tiere sind, die mit Feuer vertrieben werden müssen. Und wo man die Luft frei atmet, die man mit dem Holzbrandgeruch auf Dauer verpesten würde,“ so Kaisers.