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03.04.17 - 12:45 Uhr

Stromarmut aktiv bekämpfen - Mieterverein regt lokales Bündnis an

Wenn Menschen zu wenig Geld für Lebensmittel, für Produkte des täglichen Bedarfs haben, weil die Strompreise so hoch sind, sprechen Fachleute von „Energiearmut“.

Das Institut habe die Zahlen anhand einer landesweiten Befragung von Fachkräften ermittelt. Bislang gebe es keine bundesweit geregelte Erfassung von Wohnungslosen jeglichen Alters. 2015 drohten Versorger säumigen Kunden in Deutschland rund 6,3 Millionen Mal, den Strom abzustellen.“ Darauf weist der Mieterverein hin und regt ein Konzept an.


Forscher der renommierten Hans-Böckler-Stiftung diskutierten in einer Studie aus dem Jahr 2016, ob Energiearmut das neue soziale Risiko ist. Sozialhilfeempfänger, alte Menschen mit niedriger Rente, Geringverdiener; es sind die Ärmsten, die am stärksten unter den steigenden Strompreisen leiden. Im Jahr 2000, das zeigen Daten des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, zahlten Verbraucher für eine Kilowattstunde noch rund 14 Cent. Heute ist der Wert mehr als doppelt so hoch, er liegt bei fast 29 Cent. Der Hauptgrund ist die Energiewende, im Zuge derer regenerative Energien wie Solaranlagen alte, klimaschädliche Kraftwerke ablösen. Die Verbraucher subventionieren diesen Umbau über die EEG-Umlage, die auf jede Kilowattstunde aufgeschlagen wird. Mit der fortschreitenden Energiewende ist die Umlage in den vergangenen Jahre stark gestiegen. Elektrizität wird 2017 vielerorts sogar erneut teurer - die Energiearmut dürfte sich noch verschärfen.
Der Mieterverein berichtet, dass sich schon in einigen Städten in Deutschland Bündnisse mit ungewöhnlichen Partnern gebildet hätten, um das Problem aktiv anzugehen. Partner, die sonst kaum zusammenarbeiten und sich wegen unterschiedlicher Interessen oft zerstreiten: die Verbraucherzentralen, die Sozialverbände Caritas und Diakonie sowie lokale Energeiversorger, wie die Stadtwerke. Sie hätten sich zum Ziel gesetzt, nicht nur an dem neuen sozialen Risiko herumzudoktern, sondern es Stück für Stück zu entschärfen.


„Viele Menschen haben keine Vorstellung davon, wie viel Strom die Geräte in ihrem Haushalt verbrauchen. Ihnen fehlt das Wissen dazu. Viele nehmen den Kostenfaktor Strom erst wahr, wenn es zu spät ist, wenn sie die Rechnung nicht bezahlen können. Dazu eine Zahl : Die Stadtwerke Gießen verfügten im Jahre 2016 bei ihren 90.000 Kunden in Stadt und Kreis Gießen 600 Stromsperren, im Vorjahr waren es 700“, sagt der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.
Das Kooperationsmodell sieht so aus : Die Stadtwerke helfen mit, die Probleme ihrer Kunden langfristig zu lösen, indem sie einen Stromsparberater in die betroffenen Haushalte schicken, der z.B. stromfressende Kühlschränke aufspürt und auf alte Leuchten aufmerksam macht. Der Berater händigt eine Übersicht aus, welches Gerät wie viel Strom benötigt. Verbrauchern mit Glühbirnen bringt er LED-Lampen mit, anderen übergibt er einen Gutschein für einen effizienteren Kühlschrank, teils mehrere Hundert Euro wert, bezahlt von Land und Bund. Die Stadtwerke finanzieren die Zusammenarbeit der Aktionspartner mit - weil regelmäßig bezahlte Rechnungen im Interesse des Versorgers sind. Den Mitarbeitern der Verbraucherzentrale fällt die Aufgabe zu, Hilfen für den  Wechsel zu einem günstigeren Energieanbieter zu geben, eine Budgetberatung anzubieten, z.B. die Kunden anzuregen, ein Haushaltsbuch zu führen und unnötige Ausgaben zu streichen. Und die Sozialverbände suchen die betroffenen Haushalte aus, die ihnen oft über die Schuldnerberatung bekannt sind und helfen dabei, die Hemmschwellen gegen eine Beratung abzubauen.


Es handelt sich bei den Maßnahmen um Investitionen, die sich erst nach Jahren rentieren können, kleine Schritte - die zum Ziel führen. Der Erfolg lässt sich an der Zahl der Stromsperren ablesen. Der Wert zeigt, wie häufig die Stadtwerke ihren Kunden den Strom abdrehen, weil niemand mehr dafür zahlt. Bleibt die Zahl pro Jahr konstant, trotz der steigenden Strompreise, ist das bereits ein Erfolg, ein Rückgang wäre natürlich noch viel besser.