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26.02.17 - 17:57 Uhr

Ein „Gestaltungsbeirat“ kann zur Baukultur beitragen

Die Baukonjunktur brummt. Lange nicht wurden so viele Wohngebäude errichtet wie heute - auch in Gießen. Sieht man sich die Ästhetik der neuen Häuser an, fällt die Uniformität auf. Deshalb ist die Frage zu stellen: Geht beim Bauen Masse zwangsläufig vor Klasse?

Genau davor warnen Architekten und Städtebau-Experten. Die Einrichtung eines Gestaltungsbeirates kann dazu beitragen, die ästhetische Dimension der Häuser, Wohnungen und des Wohnumfeldes zu sichern.
"Baukultur wird häufig als etwas angesehen, das man sich leisten kann, wenn man sonst keine Probleme hat", sagt Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. "Dabei berührt Baukultur sehr viele Lebensbereiche." Gerade weil heute so viel gebaut wird, sei Baukultur besonders wichtig, weil sie das Stadtbild lange prägen wird, meint der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.
Die starke Nachverdichtung der Innenstadt in Gießen führe immer wieder zu Akzeptanzproblemen bei Bauprojekten. Es gibt Diskussionen darüber, wo und wie Gießen wachsen soll. Um städtebauliche und architektonische Fehlentwicklungen zu vermeiden, empfehle der Mieterverein die Einrichtung eines sog. Gestaltungsbeirates. Wie in Architekturwettbewerben sind Gestaltungsbeiräte ein Instrument zur Qualitätssicherung. Das Gremium sollte aus externen Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten bestehen, die weder in Gießen wohnen noch arbeiten dürfen, um zu vermeiden, dass Eigeninteressen bei der Beurteilung der Bauvorhaben eine Rolle spielen.
„Der Beirat soll dazu beitragen, die Bemühungen um die architektonische Qualität, städtebauliche Einbindung und die Freiraumgestaltung nachvollziehbar und transparent zu machen", meint Kaisers und fügt hinzu: „Damit ergänzt der Beirat die normalen Genehmigungsverfahren der Baubehörde, aber er soll sie nicht ersetzen. Im Idealfall sind Beirat und Stadtverwaltung mit dem Entwurf eines Vorhabens zufrieden - und der Bauherr betrachtet diese zusätzliche Schleife nicht als bloße Schikane, sondern als Gewinn.“
Anders als in der Schweiz sei die Einrichtung eines solchen Beirates hierzulande freiwillig. Gerade kleinere Gemeinden scheuen deshalb häufig vor diesem Instrument zurück. Das Land Baden-Württemberg hat daher 2016 ein Förderprogramm aufgelegt und übernimmt in den ersten zwei Jahren bis zu 50 Prozent der Kosten. Zehn weitere Gemeinden haben seither davon Gebrauch gemacht und einen Beirat eingerichtet.
Gab es vor 30 Jahren gerade mal ein Dutzend Beiräte, sind es mittlerweile 129 überall in Deutschland. Die meisten davon in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen.