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03.10.16 - 16:05 Uhr

Studentisches Wohnen auch in Gießen immer teurer

Der Einwohnerzuwachs der letzten Jahre in Gießen beruht in hohem Maße auf dem starken Zuzug von Studenten. Im Rathaus freut man sich darüber wie in anderen Städten auch. Doch gibt es auch hier nicht genug preisgünstige Wohnungen. So steigen die Preise für WG-Zimmer deutlich an“, erklärt man beim Mieterverein.

In Karlsruhe sorgten jüngst zehn junge Leute für Aufsehen, weil sie mit einer spektakulären Aktion zehn Nächte lang in gelben Zelten neben dem Schloss im Zentrum campierten. Tagsüber fragten sie Passanten, ob sie nicht ein Zimmer frei hätten oder einen Vermieter kennen. Denn bald werde ihr Studium beginnen, aber sie hätten keine Bleibe. Vor allem wollten die Camper ein Zeichen setzen: Wenn es so weitergehe in den Städten, dann müssten sie eben zelten, um studieren zu können. So weit ist es in Gießen noch nicht.
In der Mittelhessenmetropole studieren zur Zeit über 33.000 Studenten an den vier Hochschulen. Zum Wintersemester wird mit 10.600 Erstsemestern gerechnet. Doch das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist nicht mitgewachsen. In den Wohnheimen wird dieses Jahr höchstens ein Drittel der 2648 Plätze frei, heißt es beim Studierendenwerk. Und die Bewerberliste ist lang : 1160.  Erstsemester brauchen also Glück, dass die Familie in der Nähe wohnt, oder sie begeben sich auf einen Markt, der enger wird.
In den meisten Hochschulstädten hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt zum neuen Semester verschlechtert. Laut dem Portal „WG-gesucht“ werden Zimmer in Wohngemeinschaften im Durchschnitt für 349 Euro pro Monat angeboten. Im vorigen Jahr waren es noch 330 Euro. Ein Anstieg um fünf Prozent. Dabei nehmen die Unterschiede zwischen den Städten zu.
Besonders angespannt ist die Lage in München, wo ein WG-Zimmer im Durchschnitt für 560 Euro angeboten wird. Es folgen in Hessen Frankfurt und mit etwas Abstand Darmstadt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Moses-Mendelssohn-Instituts im Auftrag der „Immobilienfirma GBI. "Studierende konkurrieren nicht nur mit Auszubildenden und Berufseinsteigern um bezahlbare Wohnungen, sondern etwa auch mit jungen Familien oder alleinstehenden Senioren", sagt der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.
Bundesweit studieren zurzeit 2,7 Millionen Menschen. Das seien fast 40 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Ein immer größerer Teil der jungen Leute durchlaufe die Schule bis zum Abitur. Auch die Zahl ausländischer Studenten sei hierzulande gestiegen. Hinzu komme, dass viele Länder die Gymnasialzeit verkürzt haben, und der Bund die Wehrpflicht ausgesetzt hat. Die Reformen hätten die Zahl der Erstsemester zusätzlich erhöht.
„Nur in sieben Städten beobachtete das Institut, dass sich der Wohnungsmarkt entspannt habe, etwa in Hannover, Münster und Würzburg. Die Autoren haben sämtliche Städte untersucht, in denen mehr als 5000 Studierende eingeschrieben sind. Das sog. „Mietanspannungsranking“ umfasst 79 Hochschulstädte, Gießen liegt dort auf Platz 25. Die Versorgungssituation mit Wohnraum hat sich hier zum Vorjahr um zwei Punkte verschlechtert.
Das Deutsche Studentenwerk warnt, hohe Mieten verschärften die Ungleichheit. "Wer viel arbeiten muss, um sich seine Wohnung oder sein WG-Zimmer zu finanzieren, dem bleibt weniger Zeit zum Studieren", sagt Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Hohe Mieten in den Uni-Städten können auch Kinder ärmerer Familien vom Studieren abhalten. Ohnehin hänge der Bildungserfolg eines Menschen in Deutschland stark vom Elternhaus ab.
„Bundesweit gilt, dass das Angebot an Wohnheimplätzen langsamer gestiegen ist als die Zahl der Studenten. In Gießen gibt es rund 2650 Plätze, aber die Warteliste ist lang.    Länder und Städte sind aufgefordert, mehr Wohnheime zu bauen. Doch scheitert der Bau vielerorts an fehlenden Grundstücken, Bauland ist sehr teuer geworden.
So kommt es, dass privatwirtschaftliche Firmen in den vergangenen Jahren genauso viele Studentenwohnungen gebaut haben wie öffentliche und gemeinnützige Träger zusammen. Es sind Projekte wie das "Phoenix" in Hamburg. Dort baut die Firma Profund das alte Bürogebäude einer Gummifabrik zum Wohnort für Studierende um. So entstehen 160 Wohnungen, die inklusive Küche, Schlafcouch, Schreibtisch und Schrank vermietet werden. Pünktlich zum nächsten Wintersemester sollen die ersten Studenten einziehen. Schon jetzt sind 90 Prozent der Wohnungen verkauft - an Kapitalanleger. Apartments für Studenten gelten als eines der gefragtesten Immobilien-Investments.
Allerdings ziehen private Neubauten die durchschnittlichen Wohnkosten weiter nach oben. Laut Moses-Mendelssohn-Institut ist es ohne staatliche Förderung zurzeit kaum möglich, neue Apartments unter 360 Euro warm zu vermieten, weil Baukosten und Grundstückspreise so stark gestiegen seien. "Unter dem Label 'studentisches Wohnen' werden einige Projekte vorangetrieben, die sich wohl eher an Berufseinsteiger richten oder nur zeitweise an Berufstätige vermietet werden sollen", sagt man beim Moses Mendelssohn-Institut. Das Studentenwerk kritisiert, für die meisten Studierenden seien rein private Bauten unbezahlbar.
Aktionen wie das Zeltlager in Karlsruhe sollen etwa ältere Menschen ermutigen, freie Zimmer oder ihre Souterrain-Wohnung an Studenten zu vermieten. Im Lager am Schloss hat das jedenfalls geklappt. Alle zehn "Dauercamper" haben neue Vermieter gefunden.