Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können daher diese Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

09.08.16 - 10:34 Uhr

Gedanken zur Stadtentwicklung

„Leider hat die bisherige Innenstadtverdichtung in Gießen so gut wie keinen neuen bezahlbaren Wohnraum geschaffen. Es entstehen weiterhin neue Eigentumswohnungen, die vielfach von den Erwerbern selber genutzt werden. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt ist deshalb weiter hoch.

Deshalb sind neue Konzepte notwendig,“ heißt es in einer Presseerklärung des Mietervereins zur Diskussion um die Stadtentwicklung.  

Die Stadtentwicklung feuere die Migrationsbewegung an und befördere die viel beschworene Gentrifizierung. Einkommensschwache Bevölkerungsteile würden schleichend aus der Stadt gedrängt. "So verlieren wir auch das, was Gießen bislang ausmacht", warnt der Mietervereinsvorsitzende, Stefan Kaisers. Er fordert die Akzeptanz von Heterogenität, den Erhalt der Vielfalt von bezahlbaren Wohnformen für verschiedene Lebensentwürfe sowie eine Bodenpolitik der Stadt, die eine soziale Durchmischung der Quartiere und Stadtteile absichere.
Dazu müsse man auch über die Standards im Wohnungsbau sprechen, die dafür sorgten, dass die durchschnittlichen Baukosten jetzt schon zwischen 1500 und 2000 Euro pro Quadratmeter liegen - mit der Tendenz weiter nach oben. "Darunter geht fast nichts mehr", merkt der Mietervereinsvorsitzende an. „Und das bedeutet, dass eine solche Wohnung, kommt sie denn überhaupt als Mietwohnung auf den Markt, nicht unter 10-12 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter angeboten wird. Eine solche Entwicklung resultiere zum einen aus hohen Bodenpreisen, aber es liege auch an Schallschutz, Wärmeschutz bzw. unzähligen anderen Bauvorschriften und Auflagen wie der Stellplatzverordnung. "Baugesetze und Auflagen kann man ändern und Bauordnungen im Dialog mit der Politik flexibel den neuen Bedürfnissen anpassen", fordert der Mieterverein.
So könnte man auf viele Gebäude in der Stadt ein weiteres Stockwerk draufsetzen, da es in Gießen keine allgemeine Höhenbeschränkung in den Bebauungsplänen gebe. Eine solche Nachverdichtung habe viele Vorteile, etwa dass kein neues Bauland gebraucht werde, keine teure neue Infrastruktur notwendig sei und sich der Energiebedarf der unteren Etagen reduzieren lasse, vor allem in bislang nicht energetisch modernisierten Gebäuden. Das weitere Geschoss für Penthouses müsste dann aber an die Verpflichtung gekoppelt werden, dass die gleiche Fläche in einer der darunter liegenden Etagen dauerhaft für Sozialwohnungen reserviert bleibt. „Bei einem solchen Modell trifft sich Gemeinwohl mit Gewinnmaximierung, und es entstehen sozial gemischte Nachbarschaften."
Um von der Fixierung auf das Renditeobjekt Wohnung wegzukommen, schlägt man beim Mieterverein vor, das solidarische Modell von Wohngenossenschaften schnell wieder zu beleben. In vielen anderen Kommunen gebe es das bereits, wobei der Stadtverwaltung eine wichtige Rolle zufalle. Denn sie dürfe ihre nur noch wenigen Bauflächen nicht an den Meistbietenden veräußern, sondern an denjenigen, der das beste Konzept vorlege, z.B. an eine Wohngenossenschaft, die das Prinzip „Gemeinsinn statt Gewinn“ hat.
Längst gebe es auch heute schon kreative Baukonzepte, die mit 1000 Euro Baukosten pro Quadratmeter auskommen, ohne dass man da schlechter wohnt. Aber daran hätten die Investoren kein Interesse, weil es ihren Profitinteressen zuwiderläuft. Dabei liege der Vorteil des billigen Bauens auf der Hand. "Wenn Menschen in der Lage wären, Wohnraum günstig zu mieten oder zu kaufen und so nur noch die Hälfte der derzeitigen Preise zu bezahlen hätten, stünden viele von ihnen nicht mehr bis zum Rentenalter oder gar darüber hinaus unter dem immensen Miet- und Abzahlungsdruck", rechnet man beim Mieterverein hoch. "Es ist nun einmal eine riesige Qualität, weniger Geld verdienen zu müssen und dadurch mehr Freiheit zu gewinnen."