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04.04.16 - 18:29 Uhr

Digitale Wohnungssuche

Ob man eine Wohnung bekommt, hängt immer stärker davon ab, wie viel man von sich preisgibt

„Es ist gut möglich, dass in gefragten Städten bald nur noch "Top-Bewerber" zur Wohnungsbesichtigung eingeladen werden. Das dreht den ursprünglichen Bewerbungsprozess für eine Mietwohnung um, wonach sich der Eigentümer zunächst einen persönlichen Eindruck von den Bewerbern einholt - und erst danach Sicherheiten abfragt, wenn der Mietvertrag aufgesetzt werden soll. Stattdessen gilt in den Städten zunehmend: Wer sich datenmäßig auszieht, gewinnt“, heißt es in einer Presseerklärung des Mietervereins.
Der persönliche Kontakt zwischen Wohnungsanbieter und -suchendem drohe auf der Strecke zu bleiben. Begonnen habe diese Entwicklung nicht im Internet. „Sie begann damit, dass immer mehr Wohnungssuchende eine perfekt gestaltete Bewerbungsmappe dabei haben, wenn sie sich in die Warteschlange zur Besichtigung einreihen. Wer dem Makler am Ende der Besichtigung nicht direkt eine Bonitätsauskunft in die Hand drückt, geht mit dem Gefühl nach Hause, sowieso keine Chance zu haben. Und liegt damit meistens richtig,“ meint der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.
Die Digitalisierung dieser Entwicklung habe die Bundesregierung eingeleitet: Seit knapp einem Jahr muss der Eigentümer, wenn er für die Vermietung einen Makler einschaltet, dessen Courtage zahlen. Vielen ist das zu teuer. Deshalb sind selbsternannte Online-Makler auf den Markt getreten, die den Eigentümern die Mietersuche abnehmen wollen. Auf deren Webseiten legt der Suchende ein Profil an und bewirbt sich auf Wohnungen. Die Portale treffen eine Vorauswahl; der Vermieter entscheidet am Ende. Die Möglichkeit, eine digitale Bewerbungsmappe anzulegen, bietet nun auch das Unternehmen Immobilienscout 24. Ganz nebenbei bindet die Plattform Wohnungssuchende enger an sich - und kann mehr Daten auswerten. Die neue Funktion ist deshalb von so großer Bedeutung für den Gesamtmarkt, weil die große Mehrheit der Immobilieninserate ins Internet abgewandert ist und ImmoScout 24 dort den Markt dominiert. Verstärkt wird die Dynamik dadurch, dass beide Seiten Anreize haben, die Funktion zu nutzen. Es ist verständlich, dass Vermieter jegliche Informationen einholen, die sie über potenzielle Mieter bekommen können. Schließlich ist die Sorge, sich Mietnomaden ins Haus zu holen, verbreitet. Deshalb ist es für Bewerber rational, ihre Daten preiszugeben - vor allem, wenn Wohnungen knapp sind.
„Dennoch muss diese neue Welt der Wohnungsvermittlung nicht zwangsläufig unfairer sein als die alte. Wahrscheinlich hätte auch bei analoger Bewerbung der Festangestellte aus gutem Hause bessere Chancen als der Freiberufler. Doch fest steht: Je früher der Vermieter finanzielle Kriterien heranzieht, desto eher schwinden die Chancen etwa von Studierenden und Geringverdienern, den Eigentümer mit weicheren Kriterien von sich überzeugen zu können. Und je digitaler die Vorauswahl getroffen wird, desto mehr sind jene ausgeschlossen, die auf den Schutz ihrer Daten achten und ihren Einkommensnachweis deshalb nicht bei einer Onlineplattform hochladen wollen“, so Kaisers.
Entscheidend sei daher, wie Vermieter mit dem deutlichen Mehr an Information umgehen. Vielleicht wolle der ein oder andere Eigentümer ja doch keinen Hochglanz-Kandidaten beherbergen, sondern eine nette Familie. Denn darum gehe es doch: um eine Beziehung zwischen Menschen. „Mit der Entscheidung, wer bei ihnen wohnen darf, tragen die Eigentümer eine Verantwortung gegenüber ihrem Haus - und ihrer Stadt. Auch das ist gemeint, wenn es im Grundgesetz heißt: Eigentum verpflichtet,“ so der Mieterverein.