Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können daher diese Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

07.10.14 - 09:42 Uhr

Mieter mit kleinen Einkommen profitieren nicht von Gießener Wohnungsneubauten

„Sickereffekt“ ist widerlegt

 

„Die Hoffnung im Rathaus und beim Magistrat, dass die in nächster Zeit in Gießen entstehenden rund 2000 neuen, meist hochpreisigen, Eigentumswohnungen eine Entlastung auf dem angespannten Wohnungsmarkt bringen werden, wird sich nicht erfüllen. Insbesondere den Bürgern, die über bescheidene Einkommen verfügen, hilft  das nicht aus der prekären Versorgungssituation.“ Zu diesem Schluss kommt der Mieterverein.

 

„Nach der sogenannten „Sicker- oder Filtertheorie“ von 1987 beziehen Haushalte, deren Einkommen oder Ansprüche an das Wohnen gestiegen sind, neue teure Wohnungen. Die nächste Mieterschicht übernimmt dann die frei gewordenen und etwas preisgünstigeren Wohnungen und sie setzt ihrerseits Bestandswohnungen frei. Das geht so lange, bis am Ende der Kette auch die untersten Einkommensgruppen nachrücken und ihre bisherigen Wohnungen abgerissen werden. Diese Theorie hört sich logisch an, sie ist beruhigend, aber leider falsch und längst widerlegt;“ sagt der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers.

 

Entscheidend für den Wert einer Immobilie, ob Haus oder Wohnung, sei immer ihre Lage. Und die ist unveränderlich. Ein Haus in einer teuren Gegend werde nicht automatisch mit dem Alter billiger und von immer ärmeren Menschen bewohnt, bis es schließlich als Obdachlosenasyl endet. Wäre das so, würden ehemals edle Stadtviertel längst zu billigen Quartieren heruntergekommen sein. „Dem ist aber nicht so, wie man in Gießen und auch  anderenorts beobachten kann. Die Wertkonstanz von Straßenzügen oder ganzen Stadtteilen verhindert, dass Ärmere sich wohnlich verbessern. Man muss feststellen: je besser ein Stadtquartier  ist, desto weniger „sickert nach unten durch“, erklärt Kaisers.

 

Heute würden sogar Wohnungen „von unten nach oben sickern“. Die (relativ) Wohlhabenden würden teilweise, gerade in Zeiten mit Niedrigzinsen, heruntergekommene Häuser als Anlageobjeke aufkaufen, sie aufwändig sanieren und dann teuer weitervermieten. So verknappe sich das Angebot an preisgünstigen Behausungen noch weiter.

 

„Das kann man nur eine Schluss ziehen : „Wohnungsengpässe wie in Gießen kann man in einer Situation mit Bevölkerungszuwachs nur mit staatlicher Hilfe beseitigen, indem neue preisgebundene Sozialwohnungen hinzugebaut werden. Wer das nicht beachtet, fördert  soziale Spannungen in den Städten. Die Entstehung neuer sozialer Brennpunkte, von Slums und mehr Obdachlosenasylen ist dann nur eine Frage der Zeit. Das aber wäre ein Armutszeugnis für eine soziale Marktwirtschaft. Der Markt allein kann die Probleme auf dem Wohnungsmarkt nicht beheben, das lehrt die Erfahrung“, meint man beim Mieterverein.