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24.09.12 - 10:35 Uhr

Mieter bei energetischer Sanierung im Zangengriff der Vermieter und der Bundesregierung

Warmmietpreise von 7,85 Euro, das bedeutet Gesamtmieten von über 9 Euro für Wohnungen im Passivhaus-Standard bei der Wohnbau in Gießen, seien nicht akzeptabel. Dies führe in wachsendem Umfang zur Mieterverdrängung, weil Bezieher niedriger Einkommen oder staatlicher Leistungen solche Belastungen nicht tragen können. Kaisers verlangt eine gerechte Kostenverteilung bei der energetischen Modernisierung:  je ein Drittel sollten Mieter, Vermieter und der Staat tragen.

 

Rechtlich gelte eine energetische Sanierung als Wohnwertverbesserung. Der Vermieter dürfe deshalb 11% der entstehenden Kosten auf die Jahresmiete aufschlagen. Bei vielen Modernisierungen würden aber nicht nur Einzelmaßnahmen ergriffen, wie etwa der Austausch der Heizungsanlage, sondern gleich das volle Programm nach den Vorgaben der Energieeinsparverordnung, also Fassaden-, Keller- und Deckendämmung, Austausch der Fenster u.a.m.. Deshalb komme es nicht selten zu Mietsteigerungen von bis zu 30 Prozent. Grund dafür sei auch, dass die Bundesregierung ihre hohe Förderung solcher Energiesparmaßnahmen zwischenzeitlich stark zurückgefahren habe. „Ohne Anrechnung der Fördermittel bleiben nahezu die gesamten Kosten für die Modernisierung an den Mietern hängen, während die Vermieter lediglich die Finanzierungskosten tragen müssen“, so Kaisers. „Der Mieterbund hatte von Beginn der energetischen Sanierung an die sogenannte „Warmmietenneutralität“ verlangt. Das bedeutet, die Kaltmiete soll nur in dem Umfang steigen, in dem die Heizkosten wegen der Sanierung sinken. Davon ist leider längst keine Rede mehr.“

 

Der Mietervereinsvorsitzende bezweifelt auch den konkreten Nutzen der meisten energetischen Sanierungen. Vielfach würden Vermieter in ihren Modernisierungsankündigungen mit den vom Energieberater berechneten Verbesserungen der Dämmwerte operieren. Darin werde dann eine Energieeinsparung 1:1 in Aussicht gestellt. Ein zum Beispiel um mindestens 22 % verbesserter Fassaden-Dämmwert werde zur nachhaltigen Energieeinsparung von mehr als 22 % führen,“ heißt es etwa. In Wirklichkeit stelle sich dann heraus, dass die Heizenergieersparnis nicht selten nur 10 % der Mieterhöhungen betrage.

Der Mietervereinsvorsitzende weist darauf hin: „Bundesweit fallen die Mieterhöhungen im Schnitt 2- bis 3-mal höher aus als die Heizkosteneinsparungen. Man kann als Faustregel sagen: bei einer 80qm großen Wohnung, die in ihrem Energieverbrauch von rund 200 KWh/qm/a auf 100 KWh/qm/a  Euro/qm reduziert werden soll, kostet das rund 20.000 Euro. Nach Umlage von 11 Prozent  der Kosten auf die Jahresmiete führt das zu einer Mieterhöhung von 183,33 Euro. Über Heizkosteneinsparungen inklusive Warmwasser lassen sich aber höchstens 45-50 Euro monatlich sparen.“

 

 Hinzu komme noch verschärfend, dass die Mieter nach dem Inkrafttreten der von der Bundesregierung geplanten Mietrechtsreformen zukünftig dazu verpflichtet würden, in den ersten drei Monaten der Sanierungsmaßnahmen keine Mietminderung vorzunehmen. „Lärm, Staub, ein Gerüst vor dem Fenster sowie die abgestellte Wasser- und Heizversorgung müssen die Mieter dann klaglos hinnehmen. Das ist ein frontaler Angriff auf das Grundrecht der Verbraucher,“ kritisiert Kaisers.

 

Beim Mieterverein verlangt man mehr Ehrlichkeit in der Kosten-Nutzen-Diskussion der energetischen Sanierungen. Es sei grotesk, wenn in Gutachten von Energieberatern behauptet werde, dass die Heizkostenersparnis höher ausfallen werde als der langjährig erfasste tatsächliche Verbrauch. Der werde dann aber nur formelhaft anhand des „theoretischen Wärmebedarfs“ eines Gebäudes und der baulichen Gegebenheiten ermittelt, was 2- bis 3-fach überhöhte Verbrauchswerte vorgaukele. Damit werde den Mietern die Sanierung schmackhaft gemacht.

 

“Viele große Wohnungsbaugesellschaften, leider nicht in Gießen, gehen längst einen anderen Weg. Statt der teuren und im Ergebnis höchst zweifelhaften und extrem kostenintensiven Vollsanierung mit Fassadendämmung setzt man auf die Optimierung der vorhandenen Anlagen. „Alfa-Allianz für die Anlageneffizienz“ heißt ein Projekt. Die Steigerung der Heizanlageneffizienz führt dann nicht zu extremen Mieterhöhungen, wie sie Mieter heute immer öfter beklagen müssen,“ meint Kaisers.