Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können daher diese Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

05.03.13 - 10:10 Uhr

Energetische Modernisierung der Wohnbau bewirkt keine Wohnbehaglichkeit

„Weil bei der hocheffizienten Sanierung die Häuser extrem gedämmt werden müssen, steigt die Gefahr der Schimmelbildung. Um das zu verhindern und das letzte Quäntchen Energie aus der Abwärme zu nutzen, werden in die Wohnungen kostenaufwändige automatische Lüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung (WRG) eingebaut. Sie laufen 24 Stunden am Tag und das ganze Jahr über“, sagt der Vorsitzende des Mietervereins, Stefan Kaisers. Dies führe nun leider nicht zur gewünschten Steigerung des Wohnkomforts, sondern Mieter würden sich beim Mieterverein beschweren. Ihr Wohlbefinden sei gestört, weil die Lüftungssysteme auch bei geringer Strömungsgeschwindigkeit einen Zuglufteffekt verursachen. Schließlich muss fortlaufend die verbrauchte feuchte Innenluft aus den Räumen abgesaugt und Frischluft von außen angesaugt und erwärmt werden. Hinzu kämen störende Betriebsgeräusche vom Ventilationssystems. Selbst in der niedrigsten Arbeitsstufe seien sie deutlich vernehmbar. „Man hat den Eindruck, wenn man im Flur der Wohnung steht, an Bord eines Düsenjets in Flughöhe zu sein“, berichtet der Mietervereinsvorsitzende Stefan Kaisers über seine Erfahrungen nach dem Besuch in einer der Wohnungen. Ausschalten lasse sich die Lüftung in der Wohnung gar nicht.

 Viele Fachleute würden große Zweifel an solchen Lüftungssystemen hegen, vor allem mit WRG, da letztere „oft ökonomisch sinnlos und ökologisch schädlich seien“, so ein Fachmann. Beim Mieterverein verweist man zu einen auf die hohen Kosten der automatischen Lüftungssysteme. Die Filter müssten jährlich gewechselt werden, weil sie schnell verschmutzen und so der Stromverbrauch steigt. Spätestens alle 4–5 Jahre sei eine größere Wartung der gesamten Anlage fällig, um die Luftkanäle zu reinigen. Denn der Schmutz darin sei ein idealer Nährboden für Mikroorganismen, die der Gesundheit schaden können. Zum anderen sei die künstlich niedrig gehaltene Luftfeuchtigkeit ein Problem. In der Antwort des Expertenrates der Deutschen Lungenstiftung auf eine Anfrage des Mietervereins heißt es dazu: „Bei automatisierten und nicht verstellbaren Lüftungsanlagen kann man davon ausgehen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der Feuchtigkeitsgrad der Einatemluft vermindert ist. Das wird dann zur Folge haben, dass das Reinigungssystem der Luftröhre und der Bronchien negativ beeinflusst wird, sodass der Transport von Schleim ins Stocken gerät, Schadstoffe im Körper zurückbleiben und so z.B. Infekte verursachen können. Fazit : Was man in einer "normalen" Wohnung während der Heizperiode macht, nämlich die Fenster mehrfach am Tag kurzfristig zu öffnen, um für einen Luft- und Feuchtigkeitsausgleich zu sorgen, entfällt in den hocheffizient gedämmten Wohnungen. Und das ist sicher nicht gut.“

Schließlich sei auch der Energieverbrauch der ganzjährig betriebenen Lüftungsanlagen nicht eben klein. Die Instandhaltungskosten für aufwändig modernisierte Wohngebäude würden also in Zukunft beträchtlich steigen und die Mieter müssten diese Kosten dann übernehmen, heißt es in der Erklärung des Mietervereins.

 Mieter des gerade modernisierten Hauses „Trieb 3“, auf das die Wohnbau mit Stolz verweise, würden auch über unzureichende Wärme in einzelnen Räumen klagen, vor allem am Abend. „Bei einer Messung tagsüber ergaben sich z. B. in der Küche nur knapp 19°Celsius,“ so Kaisers. Nachts sinke die Temperatur nach Angaben des Mieters z.T. bis auf 16 Grad ab. Der Grund liege darin, dass teilweise die Heizkörper in einzelnen Räumen stillgelegt wurden, weil es ja das Lüftungssystem mit WRG gibt. Auf diesbezügliche Beschwerden der Mieter an die Wohnbau wurde ihnen von der Wohnbau die Empfehlung gegeben, doch mehr zu kochen, um die entstandene Abwärme für die Steigerung der Raumtemperatur nutzen zu können. Auch die Aufstellung eines elektrischen Heizlüfters wurde angeregt. Die enormen Stromkosten dafür (nach einer Berechung der Stiftung Warentest ca. 270 Euro pro Jahr für einen Heizlüfter) habe der Mieter dann allerdings selber zu tragen.

„Die von Wohnbau–Chef Behnecke energisch und gegen den Widerstand der Mietervertreter in den eigenen Gremien vorangetriebene energetische Modernisierung erzeugt kein kuscheliges Wohngefühl, sondern eher neue Probleme. Es ist höchste Zeit, endlich von dem falschen Konzept der hocheffizienten Maximal-Sanierung abzurücken“, fordert Kaisers. Er weist auch darauf hin, dass den Mietern mehr daran gelegen sei, den Standard der Wohnungen aus den 60er Jahren zu verbessern. Hier sei zumindest im Haus „Trieb 3“ nichts geschehen. Es gebe einen erheblichen Nachholbedarf, angefangen bei der nicht mehr zeitgemäßen Sanitär-Ausstattung der Bäder bis hin zur Sanierung des asbesthaltigen Bodenbelages in der Küche.