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30.08.11 - 10:04 Uhr

Mieterverein schlägt „Wohnen für Hilfe“ in Gießen vor

 

Patrizia wollte für ihr Studium von Hildesheim nach Gießen ziehen. Doch bei der Zimmersuche stieß sie auf erhebliche Schwierigkeiten, denn auch in Gießen ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Sie wandte sich an den Mieterverein, aber der kann  und darf keine Wohnungen vermitteln. Da kam ihr der Gedanke, eine Zeitungsanzeige aufzugeben: „Studentin sucht Zimmer und bietet Hilfe oder Gesellschaft an“. Sie hatte Erfolg damit und bezog vor kurzem ein 25 qm großes Zimmer in der Wohnung einer 82 Jahre alten Dame – gegen etwas mehr als 100 Euro im Monat und ein Mittagessen. Der Mieterverein schlägt nun dem Studentenwerk auch für Gießen ein solches Projekt vor, um so weiteren Wohnraum für Studenten zu gewinnen.

„In 13 deutschen Universitätsstädten und zahlreichen Nachbarländern gibt es bereits ein Projekt mit dem Namen „Wohnen-für-Hilfe“. Dabei werden allein lebende Senioren mit Studenten zusammengebracht“, sagt der Mietervereinsvorsitzende, Stefan Kaisers. Zu welchen Bedingungen die Studierenden bei den Wohnpartnern unterkommen und welche Hilfe sie dort leisten, werde individuell geregelt. Meist sei es ein wenig Arbeit im Haushalt, zum Beispiel Kochen, Einkaufen, Staubsaugen oder Gartenarbeit. Die Mietkosten für die Unterkunft würden dabei variieren - von der Beteiligung an den Nebenkosten bis hin zu höheren Mieten. Abhängig sei die Höhe der Miete natürlich von der Größe des Zimmers oder der Einliegerwohnung.

Patrizia beteiligt sich anteilig an den Nebenkosten, darüber hinaus kocht sie mehrmals in der Woche ein Mittagessen für sich und die Vermieterin und hilft im Haushalt. Natürlich sprechen beide auch oft miteinander – für die junge Frau ist das auch ein Anreiz und sie sagt über ihre Vermieterin :„Sie hat viel zu erzählen. Das ist schon eine besondere Erfahrung, auf solche Weise zu wohnen, aber ich habe vor meinen Studienbeginn schon Erfahrungen in einem sozialen Jahr gesammelt.“

Beim Mieterverein betont man, dass es wichtig sei, dass die Studenten im Haushalt nicht ausgebeutet werden. „Wohnen-für-Hilfe“ sei in erster Linie ein soziales Projekt. Wer darin einen Nebenjob sehe oder auf eine preiswerte Haushaltshilfe hoffe, der verstehe die Sache falsch. „Auch die Senioren haben Rechte und man darf ihnen nicht häufige Mieterwechsel zumuten,“ meint Kaisers. Deshalb hätten sich die Studierenden oder Auszubildenden in den bestehenden Projekten dazu verpflichtet, mindestens zwei Semester in der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft zu bleiben. Wenn die Wohnpartner sich allerdings nicht miteinander verstehen, dürfe man sie nicht aneinander ketten.

Wichtige Voraussetzung für ein Gelingen seien auf beiden Seiten Toleranz und Interesse für die jeweils andere Generation. Die jungen Mieter sollten zudem wenigstens 18 Jahre alt sein. In vielen Städten gebe es auch Wohnpartnerschaften für Studenten, die von Berufstätigen oder Familien angeboten werden. Bevor man einen Vertrag aufsetze, sei  ein persönliches Gespräch zwischen den Parteien und dem Vermittler, häufig das Studentenwerk, notwendig. Schließlich sollen sich beide Seiten kennenlernen. Erst danach komme es zum Abschluss des Vertrages, in dem die Rechte und Pflichten beider Seiten festgelegt werden. Als Faustregel gelte : eine Stunde Arbeit im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche. Beim Mieterverein betont man, dass  „Wohnen-für-Hilfe“ eine Möglichkeit sei, die nicht zu jedem passe. „In einer Studenten-WG lebt man anders zusammen. Partys bis bis zum Morgengrauen sind in Wohnpartnerschaften mit älteren Menschen  wohl eher seltener.“